Sex und Gemüse – Teil 1: In einem Geschäft

Donaugasse_-_Bioladen_(2011)Im inneren des kleinen Geschäfts roch es nach einer Mischung aus Salbei, junger Oma und Sellerie. Die Frau an der Kasse las in einem Heft und bemerkte mich nicht, als ich durch die hellholzfarbende Tür hereinkam. Es gab auch kein Geräusch, keine Glocke, kein Klingeln. Zum Glück war ich nicht ganz alleine, eine junge Dame stand mit dem Rücken zu mir ein paar Meter weiter vor einer riesigen Auswahl heimischen Gemüses. Blumenkohl, Grünkohl, Weißkohl, Kartoffel, Karotten und viele weitere wurden dort, durch die Kurven der jungen Dame nur halb verdeckt, angeboten. Ich blickte kurz in Richtung Gemüse, tat dies aber nicht der Kartoffeln wegen. Die Rückseite der jungen Dame war verdammt hübsch, sieht man ihr nach, dass sie Mittwochmorgen um 11 Uhr in einem Bioladen steht. Der Dame, nicht der Rückseite, die kann ja schließlich wenig dafür. Ich riss meine Blicke fort, schließlich war ich nicht wegen des Gemüses hier. Weder wegen heimischem, noch wegen jungem. Um dem Wortspiel gerecht zu bleiben war ich eigentlich doch wegen Gemüse hier. Meine kürzlich auf Facebook offiziell eingetragene Lebensabschnittsgefährtin hatte mich auf diese Odyssee geschickt. Sie wolle es mal mit natürlicher, biologischer Kosmetik probieren. Weil die keine Tierversuche machen und das sei ja sowieso viel gesünder für die Haut. Das hat sie in einem dieser Hefte gelesen, das man in der Apotheke kostenlos mitnehmen kann. Ich stehe also wegen der Pharmalobby am Mittwochmorgen um 11 Uhr in einem Bioladen, begaffe eine junge, augenscheinlich ernährungsbewusste Frau von hinten und suche nach natürlicher, nicht an Tieren getesteter und für die Haut leicht verträglicher Kosmetik. Soviel kann passieren, wenn man sich mal einen Tag frei nimmt.

Aber genug der schnöden Gedanken, meine Wertgeschätzte sitzt in ihrem Büro und freut sich auf eine Body-Anti-Aging-Lotion, die nicht an Tieren getestet wurde, und gut für ihre Haut ist, die sie sich heute Abend ins Gesicht schmieren kann, um ein wenig jünger zu wirken. Ich finde sie jetzt schon ganz hübsch, aber so was kann man einer Frau ja nicht erzählen, die ihr Geld damit verdient, Modells per Photoshop die Falten aus der Haut zu zaubern. Im echten Leben geht das wohl nicht so einfach, da braucht es schon einen Besuch im Bioladen. Mal schauen, wer am Ende besser abschneidet, Photoshop oder der Bioladen. Ich fange gar nicht erst damit an, mich umzuschauen. Mein Wissen über nachhaltige Kosmetik beschränkt sich auf die tägliche Morgendusche ohne Duschgel, wenn man am Tag vorher schon wusste, dass es alle ist, aber trotzdem zu faul war, eben im Kaisers neues zu kaufen. Hautschonender geht es ja gar  nicht.  Ich musste also die Verkäuferin fragen, die immer noch in ihrer Lektüre versunken hinter dem Tresen stand. Langsam ging ich auf sie zu, eigentlich hat ich gar keine Lust mit ihr zu sprechen, doch das Gesicht meiner Liebsten, wenn ich ohne die richtige Lotio-Pflege-Balsam-Creme nach Hause komme, wollte ich mir liebend gerne ersparen. Ein Mann muss mutig sein. 


“Entschuldigung”, sagte ich, “ich suche nicht an Tieren getestete, hautschonende ökologische Body-Anti-Falten-Aging-Lotion.” Ich war vielleicht ein bisschen provokant. Die Frau hinter der Kasse, die aussah wie eine schnell gealterte Tochter von Jürgen Trittin mit grauen Haaren und schöneren Zähnen, sah mich unter ihrem Haartuch und durch ihre Rundglasbrille durchdringend an. “Für Sie?”, fragte sie. Ich hasse so unpräzise Fragen, da kann man ganz schnell falsch antworten. Meinte sie mich mit Sie oder meinte sie das allgemeine weibliche Geschlecht? Ich war ahnungslos und sagte einfach nur “Für meine Freundin.” Damit schien die Sache für die Verkäuferin geklärt zu sein. Sie ging zielstrebig auf ein kleines Regal am anderen Ende des Ladens zu, direkt an der schönen Rückseite des jungen Gemüses vorbei. Ich wollte nicht anders und musste sie im Vorbeigehen noch einmal mustern. Sie war wirklich verdammt aufreizend, die Rückseite. Innerlich hoffte ich auf eine noch schönere Vorderseite, aber bevor ich mir dazu noch mehr Gedanken machen konnte, standen wir schon vor dem Regal, auf dem in sicherem Abstand Produkte ausgestellt waren, die alle mehr oder weniger nicht an Tieren getestet wurden und hautschonen waren. “Was genau suchen sie denn”, fragte mich die Verkäuferin, die meinen kleinen Blick in Richtung Gemüse offenbar als Interesse an ihrem Laden gewertet hatte. “Body-Anti-Aging-Face-Lift-Aqua-Lotion”, sagte ich und musste zu meinem eigenem Überraschen nicht grinsen. Ob es der Verkäuferin an Menschenkenntnis fehlte, konnte ich nicht nicht bestimmt sagen, auf jeden Fall schien sie meine Aussage eher als Zeichen von Unwissen, nicht als dummen Witz zu verstehen. Ich war manchmal aber auch zu gemein, dachte ich mir, und beschwor mich innerlich um Ernsthaftigkeit. “Meine Freundin will biologische Kosmetik ausprobieren”, fügte ich hinzu, “sie will ihre Haut und die Umwelt schonen.” Zum ersten Mal sah ich das stets eintönig halbfreundliche Gesicht der Verkäuferin lächeln. Sie bejahte und Griff zu einer kleinen Flasche mit Pipettendeckel. “Lavera Faces my age Liftingsserum” stand darauf. Die Teile haben ja echt so komische Namen, dachte ich, und fühlte mich innerlich bestätigt. 25ml der weltenrettenden Tinktur gab es hier für 14,95€. 


Bevor ich fragen konnte, ob der Preis für eine oder fünf Flaschen galt, hörte ich hinter mir ein Geräusch, dass sich so anhörte als würde ein Mops durch eine Papierwand springen. Ich drehte mich um und sah die Besitzerin der schönen Rückseite mit einer braunen Papiertüte in der Hand, deren Boden aufgerissen war. Kartoffeln fielen aus der Tüte auf den Boden und rollten in jede Ecke des Ladens. Die Verkäuferin und ich beobachten das Schauspiel, bis die Tüte vollkommen leer und der Boden vollkommen voll mit Kartoffeln war. Nun schaute ich in des Gesicht der Rückseitenbesitzerin, gespannt, ob sie von vorne noch mehr überzeugen konnte. Sie konnte. Ihre halbängstlichen Augen, ihre leicht bebenden Lippen und ihre leichtrosafarbenden Wangen gaben ein wunderbares Bild ab. Auch ihre Brüste, die sie hinter einem T-Shirt mit der Aufschrift “Menschen sind auch Tiere!” verbarg, versprachen Großes. Wortwörtlich. Wären Orangen heimische Früchte, hätte ich hier einen passenden Vergleich ziehen können. Nun schien es mir unökologisch, nicht angebracht. Ich stellte das “Lavera Faces my age Liftingsserum” zurück ins Regal und begann wortlos, Kartoffel aufzusammeln. Auch die beiden Damen halfen mit, das Eis war gebrochen. Immer wieder warf mir die Orangendame schüchterne Blicke zu. Langsam erregte sie mich, obwohl ich mir versprochen hat, mich niemals von Frauen, die in Bioläden einkaufen, erregen zu lassen. Orangendame war mein Archetyp, meine kleine Lieblingsökologin. Während wir Kartoffeln auflasen und keiner ein Wort sprach, dachte ich mir die ganze Zeit Gemüse-Körperteilvergleiche aus. Wirklich viel neben den Klassiker wie Apfelpo bot sich mir nicht an, resginiert schaute ich mich um. Die beiden Damen standen schon und warfen eine Menge Kartoffeln zurück in die Auslage, nur ich saß noch am Boden. Langsam kam Orangenfrau auf mich zu, streckte mir ihre Hand aus und half mir hoch. Sie roch nach einer Mischung aus Lavendel, Rosenwasser und American Spirit Tabak. Ein Duft zum verlieben. “Danke”, sagte sie.


Mika sei ihr Name, sie wohne ganz in der Nähe, ob ich tragen könne, ich sehe ja selbst, dass sie es nicht schaffe. Baggerte mich mein umweltbewusster nachhaltiger Traum aus Orange und schöner Rückseite gerade an? War das ein Trick in der Ökoszene? Kartoffeln fallen lassen im Bioladen? Ich blickte kurz zur Verkäuferin, diese schien nichts bemerkt zu haben. Anscheinend war es üblich, sich nach Kartoffelunglücken in Bioläden gegenseitig aufzureißen. Mein Kopf dachte an Antiagingbodyliftingfaltencreme von “Lavera” und an Magazine aus Apotheken, an Facebook und an den harten Job meiner Freundin. Meine Körpermitte und mein Magen dachten an Lavendel, Rosenwasser, Tabak und Orangen. Mein Mund sagte “Ja!” Fünf Minuten später hatten wir beide bezahlt und standen draußen vor dem Laden an der vielbefahrenen Straße. Ich trug eine Tüte mit Kartoffeln und eine kleinere Tüte mit dem “Lavera Faces my age Liftingsserum”. Orangenlavendel-Mika trugt eine Tüte mit Blumenkohl und Karotten, die ihr sehr zu schaffen machte. Sie wohne ja ganz in der Nähe und wie lieb es von mir doch wäre, ihr zu helfen. Ich dachte an Orangen, an Lavendel, Rosenwasser und Tabak. Woher ich denn käme, was ich denn um diese Zeit täte, ob ich den arbeiten würde. Ich antwortete sporadisch, wusste aber nicht, ob ich damit cool-abweisend oder treu wirken wollte. Der Weg zu ihrer Wohnung ging schnell dahin. Zu schnell, als dass ich mir hätte Gedanken machen können über das, was ich hier überhaupt tat. Ich war auf und dabei meine Freundin mit einer jungen, ernährungsbewussten Frau aus Hannover-Linden zu betrügen. Nach einer kurzen Wanderung durch den In-Bezirk des frühen 21. Jahrhundert  standen wir irgendwann vor ihrer Tür. Sie hätte FairTrade Kaffee, sagte sie. Bestimmt hielt sie mich für einen aufgeklärten umweltbewussten jungen Mann der Großstadt. Das hätte ich auch schön zu sein – für die nächsten paar Stunden, das zumindest diktierte mir mein Unterleib. Schweigend folgte ich ihr in ihre kleine 1-Zimmer Wohnung im zweiten Stock eines Altbaugebäudes.


Ihre Wohnung sah nett aus, sehr nett – so nett, dass mich langsam der Verdacht beschlich ein Klischee betreten zu haben. Neben einem kleinen, küchenartigen Bereich dominierten ein Sofa und zwei Sitzsäcke das Geschehen. An den Wänden hingen Poster von französischen Filmen und alte Werbeplakate von Logistikunternehmen aus dem Amerika der 60er Jahre. Auf den Fensterbänken thronten kleine Töpfe mit allerlei Grünzeug. Vieles davon sah ich heute zum ersten Mal. Es war nicht sicher, ob ich die Installation eines Berliner Szeneküntslers oder die Wohnung einer Dame in ihren frühen Zwanzigern betrat. Vielleicht macht das auch heutzutage kaum noch einen Unterschied. Ich setzte mich auf ihr Sofa, während sie in der Kochnische Wasser durch einen Plastiktrichter mit Kaffeefilter in zwei Tassen goss. Die Frage nach einer Kaffeemaschine ersparte ich mir und schaute währendessen aus dem Fenster. Vom zweiten Stock aus konnte man die Baumkronen der Stadt sehen. Eine jähe Böe fegte durch die Äste und ließ einen kleinen Ast mit einem leisen “Klonk” gegen die Scheibe fliegen. Mika, die sich mit ihrem Kaffeeexperiment von der Küche aus angeschlichen hatte, schreckte jäh auf. Ich konnte nicht anders, als wieder erregt zu sein, diese Frau in Angst zu sehen, macht mich total an, ich wusste nicht wieso. Mika beugte sich übertrieben orangenartig nach vorne und stellte den Kaffe auf einen kleinen Tisch vor dem Sofa. Langsam ging Sie zurück in die Küche – meine Blicke folgten ihrer Rückseite – griff in eine der Tüten und angelte sich eine dicke Karotte. Sie wusch die heimische Frucht mit ihrem regionalen Wasser aus dem hauseigenen Wasserhahn übertrieben gründlich ab. Mir kam die Idee zu einem weiteren guten Gemüsesexvergleich, doch Mika war schneller als ich. Langsam nahm sie die Karotte in den Mund. Ich konnte meinen Augen nicht glauben und kam mir wie in einem billigen Porno vor. Die kleine, ängstliche, kartoffeltütenzerreißende Mika umspielte vor meinen Augen die leuchtende orange Karotte mit ihrer Zunge und schaute mir dabei tief in die Augen…

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