Sex und Gemüse – Teil 2: Die alte Schachtel

Alternaria_radicina_on_Daucus_carota„Ist die denn auch gewaschen?“ fragte ich Mika. Ist die denn auch gewaschen. Was für eine scheiß dumme Frage. Leute, die so doofe Fragen wie ich stellen, verdienen es in doofen Situationen wie diese gesteckt zu werden. Situationen, in denen einem süße ökofanatische Damen an einem Mittwochmittag zu sich in ihre Friedrichshainer Wohnungen einluden, um wahrscheinlich ungeschützten Sex zu haben. Die Wohnung war in Hannover, der Sex wäre auch in Hannover gewesen, gefühlt war ich aber in Berlin. Berlin, die Stadt der freien Liebe und die Stadt in der Mädchen sich Karotten in den Mund stecken, um dich herumzukriegen. Zwei Gründe, derer wegen in nicht nach Berlin gezogen bin. Das Leben kriegt dich immer dann, wenn du nicht zur Arbeit gehst, dachte ich mir. Recht hatte ich, aber das brachte ich mir jetzt auch wenig bis nichts.  „Die sind bio, die muss man nicht waschen,“ sagte Mika. Klar logisch. Wieso bin ich da nicht sofort drauf gekommen? Wieso machte ich mir diese ganzen unnötigen Gedanken? Die sind bio, Junge. Ich bin auch bio, du bist auch bio, Kondome sind nicht bio. Ich hab mich immer für meinen Sarkasmus geliebt, bin aber auch irgendwann darauf gekommen, dass man um sarkastisch zu sein nicht besonders schlau sein muss. Es gab Situationen, in denen auch mir kein flotter Spruch, kein politisch-sarkastischer Vergleich einfiel. Dies war eine davon. Biokarotten in einem superzarten Biomund. Manchmal muss man nicht betrunken sein, um nur Unsinn zu denken. Manchmal reicht es auch einfach, wenn man Zungen und Karotten beobachtet. Ich wollte meinen Blick auch garnicht von Mika abwenden, wie sie zärtlich mit ihrem blassrosa Mundlappen eine frisch gekaufte Feldkarotte aus deutschen Landen ertastete. Um ehrlich zu sein – es machte mich an. Es gab wirklich viele phallusförmige Gemüsesorten, wenn man mal nachdenkt. Gurken vielleicht oder Zucchini. Ist ja eigentlich auch dasselbe. Sellerie, Lauch, Pastinaken, Rettich oder vielleicht sogar Mais? Mika hatte Erfolg, meine Fantasie trug mich in ihr kleines Öko-Sexparadies und hatte nicht vor, es so bald zu verlassen. Wie ein kleiner Junge, der einem Heißluftballon hinterherstarrt, bewunderte ich ihre Darbietung. Ich fühlte mich wie in einer Zeitlupe, die man auf Pro7 Samstagnachts nach dem letzten Spielfilm zeigen würde. Jahrhunderte vergingen, während sie mich mit ihrer Möhrenshow fesselte. Sie war ein verdammt schönes Mädchen mit einem verdammt großem Ego. Ich musste die ganze Sache verlangsamen. Ich spürte, wie mir mehr als nur die Situation aus den Händen glitt. Mit einem lauten Knallen, rutschte mein Smartphone aus meiner rechten Hand auf ihre alten Holzdielen. Das brach den Moment – vorerst. Um nicht auch noch das letzte Stück Erotik zu verpassen, legte Mika die Möhre beiseite, bückte sich langsam und hob mein iPhone vom Boden. Man musste ihr zugestehen, sie wusste, was sie wollte und was sie bieten konnte. Mit einer geschmeidigen Geste warf sie es mir in meinen Schoss, der inzwischen fast genauso verdutzt war wie ich. Es hatte sich sogar ein kleines Hügelchen gebildet, eine kleine Vorsenke. Das ging alles ein bisschen zu schnell für mein Vorstadtgemüt. Ich musste mich fangen und ich fing mich. Ich räusperte mich leicht und rutschte ein wenig auf meinem Hintern hin und her. Eigentlich wolle ich Unmut ausdrücken, aber ich glaube, es wirkte eher so, als würde mich etwas ganz furchtbar jucken. 

Das Gerutschte hatten seinen Zweck erfüllt, mein Körper fing sich. Langsam stand ich auf. Mein Kopf führte und gewann den Kampf mit meiner Manneskraft und programmierte meine Beine auf eine Ausweichroute um Mika herum, zu meinen Schuhen und zur Tür hinaus. Mika arbeitete weiter froh an der Karotten und entwickelte eine leichte Erwartungshaltung in meine Richtung. Da zwischen dem Sofa auf dem ich saß und ihr nur ca. 20 Zentimeter Abstand waren in die mein Körper unweigerlich nicht passte, berührte ich sie unfreiwillig. Lüge. Ich berührte Sie freiwillig. Meine Ohren, meine Nase, mein Penis und meine Schenkel diskutierten mit meinem Gehirn. Meine Ohren sagten: „Berühre mich! Hauche in mich! Ich bin fast ein sekundäres Genital! Ich bin fast wie Brüste! Ich bin wie eine kleine Schale aus Brust!“ Mein Gehirn lachte meine Ohren aus. Die Nase michte sich ein: „Wehe zu mir! Mika, lass mich dich er-riechen!“ Ein verächtliches Schnauben von meinem Gehirn. Karamellbonbons riechen auch gut- sogar Tiere riechen manchmal gut. Niemals würde ich meine Freundin für Karamellbonbons oder Katzenbabies verraten. Noch mitten im Kampf war ich plötzlich ganz aufgestanden und klemmte zwischen Sofa und Mikas Orangenbrüsten fest. Sie roch wunderbar. Sie sah wunderbar aus. Sie fühlte sich wunderbar an. Meine Schenkel gaben meinem Penis High-Five, mein Gehirn vergrub sein Gehirn-Gesicht in seinen Gehirn-Händen. Nase und Ohren gaben sich Verliererapplaus. Mika nahm die Möhre, von der sie nicht einmal abgebissen hatte aus dem Mund, beugte sich vor, leckte ihre Zunge an mein Ohrläppchen und hauchte mir einen warmen Atem im die Muschel. Volle Erotik, voll in die Hörmuschel. Mein Gehirn machte einen Salto und plante schon mal das Kindezimmer. Ich sackte innerlich um zwei Meter zusammen. Totalschaden. Chaos. Ende. Revolution. Ich gebe offen und ehrlich zu Protokoll, dass ich für eine Minute meines Lebens gewillt war, mit einer karottenleckenden Dame Mittwochsmorgends wilden ungeschützen Geschlechtsverkehr zu haben und ich schäme mich bis heute ein bisschen dafür.

Plötzlich klingelte mein Handy. Mobile Telefone – die Helfer der einsamen in der Not helfen auch den ungewollt Zweisamen in der Not. „Hey Schatz, wo bist du grade?“ Noch nie habe ich mich so gefreut, die Stimme meiner Freundin zu hören. Bis auf das eine Mal, als ich mitten in der Nacht in Stendal festsaß und mich habe abholen lassen. Unwichtig – eine Lüge musste her. Wo war ich denn grade? Wieso sollte ich Lügen? Wieso die Wahrheit als Tugend der ersten Stunde verraten? „Weil deine Beziehung davon abhängt, du Vollidiot!“ Mein Gewissen hatte eine wunderbar pragmatische Veranlagung. Mein Unterleib sollte sich bei Zeiten von ihm beraten lassen, „Ich bin im Park Schatz, deine Sachen hab ich schon gekauft. Ich bring´ dir heute Abend alles vorbei!“ Rhetorik ist toll. Wahrheit ist besser. Nicht unerwartet reagierte Mika extrem falsch auf die Information um mich und mein festes romantisches Zugeständnis zu einem anderen weiblichen Wesen. Statt vollen Respekts für meine offensichtlich monogame Beziehung ein wenig Platz zwischen ihr und meiner Freiheit einzuräumen, legte Sie nun ihre Hände leicht liebhabend um meine Lende. 

Das war zu viel des Schönen. Ich gab alle Hoffnungen auf ein normales Verlassen der Wohnung auf, nahm Anlauf und sprang aus dem Fenster. Glas zerbarst und ich landete nach wenigen Sekunden Flugzeit auf der Straße…

 

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